23. Juni 2070

 

Liebe Oma,

ich hoffe, es geht dir gut. Ich konnte seit Tagen nicht mehr gut schlafen, weil es so heiß ist. Bestimmt ist die Hitze für dich auch sehr anstrengend. Wenn es so weitergeht mit dem Klimawandel in Deutschland, dann wird bis zum Ende des 21. Jahrhunderts alles noch extremer werden. Dann werde ich vierzig Jahre alt sein. Ich mache mir große Sorgen, was dann passiert und wie mein Leben aussehen wird. Ich frage mich, ob man das überhaupt noch ändern kann, oder ob es vielleicht schon zu spät ist. Wir jungen Menschen können heute, im Jahr 2070, nicht mehr rückgängig machen, was in den 2020er Jahren verbockt wurde. Liebe Oma, warum hat Deine Generation damals nicht angefangen, etwas zu verändern und ihre Lebensweise anzupassen?

Schon zu Deiner Jugendzeit hatte sich die Erde durch das menschliche Handeln um 1,0° Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau erwärmt. Deutschland war seit dem späten 19. Jahrhundert sogar schon um 2 Grad wärmer geworden. (1) Es wurden Studien veröffentlicht, aus denen hervorging, dass die die Temperaturen hier in Deutschland bis zum Ende des 21. Jahrhunderts um 3,9 bis 5,5 Grad steigen würden, wenn die Treibhausgasemissionen weiterhin kontinuierlich ansteigen. (2) Dieses Wissen war allgemein bekannt und es wurde schon damals in den Medien viel darüber diskutiert.

Wir beide wissen ja, wie die Geschichte weiterging. Der Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur, der steigende Meeresspiegel und häufigere Starkregen haben heute die Ernährungs- und Wassersicherheit sowie Gesundheit von mehreren hundert Millionen Menschen verschlechtert. Der grönländische Eisschild, und der in der West-Antarktis, haben zur Jahrhundertmitte begonnen, unaufhaltsam zu schmelzen. Unsere Wissenschaftler*innen haben berechnet, dass der Meeresspiegel langfristig dadurch um 5-6 Meter steigen wird. Viele Küstenstädte werden aufgegeben werden müssen.

Fühlst Du Dich eigentlich mitschuldig an diesen Entwicklungen? (3) Klar, in erster Linie hätten die Politiker*innen mehr tun sollen. Aber die untätigen Politiker*innen sind ja nur dadurch ins Amt gekommen, dass sie von Erwachsenen gewählt wurden. Habt ihr nicht an die Zukunft gedacht, oder wusstet ihr nicht, welche Folgen euer Handeln für uns alle haben wird? Und wenn Du mir die Frage erlaubst: Wie viel CO2-Emissionen hast Du ganz persönlich verursacht? Im Jahr 2020, im Jahr 2021, im Jahr 2022?

2020 wurde Klimaschutz als eine Sache diskutiert, die man machen kann, wenn man es sich leisten kann. Sonst halt nicht. Heute ist die allgemeine Meinung, dass jeder Beitrag eines einzelnen Menschen oder von ganzen Ländern an der menschengemachte Klimaerwärmung eine moralische Verfehlung ist, eine Art Sünde. Denn die Klimaerwärmung führte ja zu so viel Leid, und wird dies auch weiterhin tun.

Liebe Grüße,

 

Dein Luis

 


(1) Rahmstorf (2020).

(2) Umweltbundesamt (2021).

(3) Der Historiker Bendikowski (2019) geht davon aus, dass die Jugend den älteren Generationen bald die unangenehme Schuldfrage stellen wird. Vgl. auch King/Muller (2021).

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