31. Mai 2070

 

Liebe Menschen aus der Vergangenheit,

ich heiße Florian, bin 10 Jahre alt und schreibe euch aus dem Jahr 2070. Meine Eltern und ich wohnen in Berlin. Meine Eltern geben sich genauso wie ich Mühe, wirklich klimaneutral zu leben und ihre persönlichen CO2-Emissionen immer weiter zu senken. Dazu muss man seine Emissionen natürlich erst mal kennen. Wir aktualisieren im Internet immer wieder unseren Stand, (1) zum Beispiel nach einer Reise. Infos, wie viel CO2 irgendeine Aktivität verursacht, sind allgegenwärtig und leicht zu bekommen.

In bin ziemlich technikbegeistert und finde es toll, dass unsere neue Solaranlage, noch mehr kann als die vorherige. Die letzte haben meine Eltern übrigens vor 25 Jahren angeschafft. Also — unser Dach ist 28 Quadratmeter groß, genauso groß wie unser Wohnzimmer. Zu eurer Zeit erzeugte eine Photovoltaik-Anlage, die eine solche Fläche bedeckte, ja gerade mal 4000 kWh/Jahr. Heute erzeugt ein solches Modul die dreifache Strommenge. Klar, unser Elektroauto und unsere elektrische Wärmepumpe verbrauchen eine Menge Strom, aber jeder normale Haushalt kann heutzutage im Jahresdurchschnitt seinen Eigenbedarf decken, und darüber hinaus noch Strom ins Netz einspeisen. Alle Haushalte sind auch miteinander vernetzt – dafür haben wir einen Smart Meter im Keller, An einem sonnigen Tag erzeugen unsere Module mehr Strom, als wir brauchen. Die überschüssige Energie fließt in den Energiespeicher in unserem Keller. Und wenn der voll ist, geben wir unseren Überschuss in eine Cloud weiter. Als Stromguthaben bleiben dann alle Überschüsse, die wir im Sommer nicht verbrauchen, für den Winter erhalten. Es ist also so, dass unsere Familie anderen Familien mit Strom aushelfen kann und umgekehrt. Ungefähr so, wie man sich zu eurer Zeit mit fehlendem Salz aushalf, das man sich vom Nachbarn borgte.

Es ist auch ganz normal geworden, dass wir uns rein pflanzlich ernähren. Wir Kinder sind das auch vom Hort- oder Mensaessen so gewohnt. Ich kann mir vorstellen, dass man als Veganer in eurer Zeit noch ein Außenseiter war. Das ist schon seit den 2030er Jahren nicht mehr so, denn damals wurde die vegane Ernährung allgemein üblich. Das hat auch wichtige Gründe, denn wir haben gelernt, wie klimaschädlich Fleisch, Eier und Milch sind. (2) Heute gibt es nur noch ganz wenige Restaurants, die Fleischgerichte anbieten. Ich hoffe, dass sich eines Tages alle Menschen auf der Welt pflanzlich ernähren. Dann würden 80 Prozent der heute genutzten Anbauflächen frei, weil wir nicht Tiere ernähren müssen, deren Fleisch wir später dann essen. Wir würden die Pflanzen ja dann direkt essen. Die freien Flächen könnte man nachhaltig nutzen und zum Beispiel der Natur als Kohlenstoffsenken zurückgeben. (3)

Bei dem Obst und Gemüse, das meine Familie einkauft, beachten wir auch einige Dinge, um CO2 einzusparen. Vor allem kaufen wir Produkte hier aus dem Umland, die keine langen Transportwege hinter sich haben. (4) Zum Beispiel Beelitzer Spargel in der Spargelsaison. Der ist besonders lecker. Außerdem haben meine Eltern mir beigebracht, sehr sparsam mit Lebensmitteln umzugehen. Anstatt Reste wegzuwerfen, versuchen wir immer, etwas Neues daraus zu machen und die Lebensmittel nicht verderben zu lassen. Neben dem Mindesthaltbarkeitsdatum steht jetzt auch immer ein Datum, zu dem sie gewöhnlich noch verzehrfähig sind auf den verpackten Produkten. Häufig sind sie sogar noch sehr gut, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum schon abgelaufen ist. Auch die Supermärkte selbst dürfen ihre Lebensmittel nicht mehr einfach so wegwerfen, sondern müssen sie vorher kostenlos anbieten, zum Beispiel für wohltätige Zwecke.

Anders als bei euch früher, kaufen wir auch nicht mehr so viel Neues. Als ich zum Beispiel eine neue Jacke brauchte, hat mein Vater online nachgesehen, ob jemand gerade in der Nähe eine passende gebrauchte zum Verkauf anbietet. Viele Menschen bringen ihre kaputten Sachen auch erstmal zu einer Schneiderin oder einem Schneider und werfen sie nicht sofort weg. Schneidereien, Schustereien und verschiedenste andere Handwerkerinnen und Handwerker gibt es bei uns an jeder Ecke und man kann sie für eine Reparatur zuhause auch ganz leicht übers Internet kontaktieren.

Beim Thema Verkehr und Autos ist bei uns ganz viel anders als bei euch. Autos, die mit Benzin fahren, sind ja schon um ca. 2040 herum von den Straßen verschwunden, seitdem gibt es nur noch Autos, die mit Strom fahren. Die meisten Autos sind Elektroautos, die mit Strom betrieben werden. Ich darf ja sowieso noch nicht Auto fahren, aber auch meine Eltern bewegen sich so viel wie möglich zu Fuß oder mit dem Fahrrad fort. Nur sehr wenige Menschen haben heute ein eigenes Auto ganz für sich allein. Wenn man den Führerschein macht, bekommt man automatisch die Möglichkeit, sich jederzeit ein Auto von einer der vielen Parkstationen auszuleihen, die überall in der Stadt verteilt sind. Die Fahrt mit Bussen, Straßen- und U-Bahnen ist kostenlos.

Meine Oma hat erzählt, dass früher sehr viel mit dem Flugzeug gereist wurde, sogar innerhalb Deutschlands. Unvorstellbar, wenn man bedenkt, welche Auswirkungen das hat. 20 Flugstunden im Jahr – also zum Beispiel zweimal Teneriffa und zurück – würden bedeuten, dass man allein dadurch für 2,46 Tonnen CO2 mehr im Jahr verantwortlich ist. (5) Wie gesagt, bei uns wissen schon Fünftklässler sehr genau, wie viel CO2 in irgendwelchen Sachen steckt, und gerade bei Flügen ist es ja recht einfach, das auszurechnen.

Ihr seht, wir tun, was wir können. Aber trotzdem erzeugt jeder und jede von uns zwangsläufig CO2. Vor etwa 30 Jahren hat sich in Deutschland die Erkenntnis durchgesetzt, dass jeder Mensch wirklich null Treibhausgase emittieren sollte. Diese Erkenntnis setzte viel kreative Energie frei, so dass Anlagen konstruiert wurden, um sogar CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen, das frühere Menschen dort schon hinzugefügt hatten. (6) Solche Anlagen müssen ja gleichzeitig sicher und stabil zu sein. (7) Meine Familie unterstützt das Unternehmen Climeworks, denn es hat solche Maschinen entwickelt, die unsere Luft von CO2 reinigen. Solche Anlagen, auch von anderen Unternehmen, gibt es mittlerweile in vielen Ländern auf der ganzen Welt verteilt. Wir brauchen negative Emissionen, denn es ist der einzige Ausweg, um langfristig den Anstieg des Meeresspiegels zu stoppen. (8) Das gefilterte CO2 kommt dann unter die Erde, ungefähr 800 bis 2000 Meter tief und wird in Steine umgewandelt. Dort bleibt es für immer. (9) Jeden Monat zahlen meine Eltern einen Beitrag und können so ganz einfach die restliche Emissionsmenge unserer Familie, die bei etwa 3 t/Jahr und Person liegt, auf Null drücken.

Zu eurer Zeit emittierte ein Berliner oder eine Berlinerin durchschnittlich 11,6 Tonnen pro Jahr. Ich bin sehr froh darüber, dass die Menschen angefangen haben, auf ihre persönlichen CO2-Emissionen zu achten.

Vielleicht gehört ihr Lesenden ja schon zu denjenigen, denen bewusst ist, wie wichtig das für die Nachhaltigkeit ist.

 

Euer Florian

 


(1) Das Abspeichern von (Zwischen-)Ständen ist z.B. auf dem CO2-Rechner des Umweltbundesamtes möglich.

(2) Im Unterschied zu Obst und Gemüse sind tierische Produkte für einen Großteil der direkten Treibhausgas-Emissionen unserer Ernährung verantwortlich, fast 70 Prozent (WWF 2012: 30). Laut dem CO2-Rechner des Umweltbundesamtes (https://uba.co2-rechner.de/de_DE/food#panel-calc) kann eine einzelne Person mit durchschnittlichem Energieumsatz durch ihre Ernährungsform ihren CO2-Ausstoß stark beeinflussen. Bei einer veganen Ernährung werden 0,98 t pro Jahr emittiert, bei vegetarischer Ernährung 1,2 t/Jahr, bei Mischkost (Fleischanteil von 165 g pro Tag) sind es 1,64 t/Jahr und bei fleischbetonter Ernährung (290 g Fleisch/Tag) sind es 2,05 t/Jahr.

(3) Albert Schweitzer Stiftung (o. J.): o. S.

(4) Das Umweltbundesamt erläutert bei seinem CO2-Rechner: „Produkte aus der Region enthalten i.d.R. weniger Treibhausgase für den Transport. Insbesondere eingeflogenes Obst und Gemüse verbraucht durchschnittlich 48 Mal mehr Treibstoff als Gemüse aus der Region. Der Flugtransport aus Übersee schlägt dabei mit mehr als 10 kg CO2 pro Kilogramm Gemüse zu Buche. Saisonale Produkte wachsen ohne künstliche Wärmezufuhr im Freiland. Gemüse und Obst, das außerhalb der Saison in beheizten Treibhäusern angebaut wird, schneidet bei der Energie- und Emissionsbilanz um das Zehnfache schlechter ab.“ (https://uba.co2-rechner.de/de_DE/food#panel-calc).

(5) https://uba.co2-rechner.de/de_DE/mobility-flight. Annahmen: Flüge innerhalb von Europa (statt Interkontinental). Economy Klasse (statt Business Klasse).

(6) Vgl. Oschlies 2020a,b aus der Reihe der Spotlight-Videos der Scientists for Future.

(7) European Academies’ Science Advisory Council 2018.

(8) Alle Emissionsszenarien des Weltklima-Rats (IPCC), die davon ausgehen, dass die Erderwärmung noch auf 2 oder gar 1,5 °C begrenzt werden kann, rechnen den Einsatz Carbon Dioxide Removal-Technologien ein (IPPC 2018: 3). Um einen gefährlichen Anstieg der Meeresspiegel zu vermeiden, ist die anthropogene Kohlendioxidentnahme aus der Atmosphäre (negative Emissionen) nötig, denn selbst bei Null-Emissionen zur Jahrhundertwende würde der Meeresspiegel weiter ansteigen.

(9) Climeworks 2021a: o. S.

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