Vor 36 Jahren, am 26. April 1986, ereignete sich ein schreckliches Szenario: die Atomkatastrophe von Tschernobyl. Nahe der ukrainischen Stadt Prypjat explodierte damals der Reaktor des Atomkraftwerks „Tschernobyl“ und führte zu verheerenden Schäden bei Mensch und Natur. Vorher war ein solcher «größter anzunehmender Unfall» so gut wie ausgeschlossen worden. So viele unglückliche Zufälle auf einmal seien extrem unwahrscheinlich, so die vorherrschende Meinung. Diese Risikoeinschätzung wurde in Friedenszeiten angestellt. Wie aber ist es in Kriegszeiten?

Kein Atomkraftwerk auf der Welt ist gegen militärische Angriffe gesichert. AKW sind nicht für Krieg ausgelegt, sondern für Frieden

Sergej Boschko, Chef der ukrainischen Atomaufsicht (2014)

Quelle:https://youtu.be/GWmjNYLv90Mbyl/?pk_campaign=nl220421&pk_kwd=doechner&pk_source=mail

Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine am 24.2.2022 befinden sich zwei Staaten, die beide viele Atomkraftwerke besitzen, in einem Krieg. Russische Truppen drangen in das Sperrgebiet von Tschernobyl ein und besetzten die strahlende Atomruine, wo noch immer hochradioaktive Brennelemente in einem oberirdischen Wasserbecken gelagert werden. Dies führte dazu, dass die Radioaktivität anstieg, da die verstrahlte Erde durch die Panzer der russischen Truppen aufgewirbelt wurde. Auch ohne konkrete Bombardierung von einem AKW (die von Russland als Alternative zum Einsatz einer eigenen Atombombe in Erwägung gezogen werden könnte) tritt in Kriegszeiten eine völlig neue Risikolage ein. Eine Kernschmelze kann nun passieren durch:

  1. Unterbrechen der Stromversorgung in der ganzen Region und dadurch z.B. Stilllegung der Pumpen, die das Kühlwasser abführen
  2. Beschädigung des Brennelementelager
  3. Dammbruch und Überflutung des Abkühlbeckens
  4. Tötung/Gefangennahme des für den Betrieb eines AKW zuständigen Personals
  5. Abbruch der Kommunikation zur Atomaufsicht

https://youtu.be/GWmjNYLv90Mbyl/?pk_campaign=nl220421&pk_kwd=doeschner&pk_source=mail

 

Das staatliche ukrainische Unternehmen Energoatomt gab auch bekannt, dass russische Marschflugkörper in niedriger Höhe das größte Atomkraftwerk Europas in Saporischschja in der Südukraine überflogen hätten. Nicht nur der Einsatz von Atomwaffen bedroht den Menschen und die Natur – auch gezieltes oder versehentliches Bombardieren von Atomkraftanlagen kann zu verheerenden Nuklearkatastrophen führen. Langfristig können wir uns nur schützen, indem wir Atomkraftwerke abschalten und auf erneuerbare Energie umsteigen.

 

In einer Welt, die zunehmend von internationalen Konflikten und Kriegen geprägt ist, sind nicht nur Atomanlagen, sondern auch nukleare Endlager mögliche Opfer von unbeabsichtigten Kollateralschäden (oder gar gezielten Angriffen). Es bietet sich an, auf dem Walkshop 2022 bei den Lernorten beim Schacht Konrad und Asse kritische Fragen zu dieser Thematik zu stellen.

Dieses Projekt wird gefördert durch das Umweltbundesamt und das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz. Die Mittelbereitstellung erfolgt auf Beschluss des Deutschen Bundestages. Die Verantwortung für den Inhalt liegt bei den Autorinnen und Autoren.