23. Juni 2070

 

Lieber Max,

ja, die Hitze ist für mich wirklich anstrengend und ich kenne viele Menschen in meinem Alter, denen es noch schlimmer damit geht. Deinen Brief zu lesen, hat mich traurig gemacht. Ich kann verstehen, dass du diese Fragen stellst. Es tut mir sehr leid, dass ihr heute mit den Konsequenzen unseres Handelns klarkommen müsst und darunter leidet.

Natürlich übernehme ich die Verantwortung dafür, denn wir alle wussten viel darüber, was durch den Klimawandel passieren kann. Vielleicht haben wir als Generation, also als Kollektiv versagt. Aber Du darfst auch nicht ungerecht urteilen. Jede und jeder von uns hat einen individuellen Anteil an der Erderwärmung geleistet – oder eben auch nicht. Ich kann als Deine Oma nur von mir selbst sprechen.

Als ich 20 Jahre jung war – also im Jahr 2021, bin ich einem Walk for the Future mitgelaufen. Das war ein Klimabildungsprojekt der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen, bei dem ich mit ungefähr 30 anderen jungen Menschen gewandert bin, um auf dem Weg als Multiplikatorin für den Klimaschutz ausgebildet zu werden. Eine Woche lang haben wir verschiedene Stationen besucht und gemeinsam, auch mit Expert*innen aus der Politik und Wissenschaft, über Probleme und Lösungen diskutiert. (1) Nach der Wanderung haben wir bei jeder möglichen Gelegenheit versucht, unser Wissen weiterzugeben und habe mich bei der Bewegung Fridays for Future weiter engagiert. Unser Protest wurde gelobt, aber nicht ernst genommen, vor allem nicht in der Politik. (2) Warum hat damals keiner auf uns gehört? Die meisten Menschen, mit denen ich damals sprach, konnten sich schlicht nicht vorstellen, wie schlimm die Klimakrise werden würde. Damals haben wir jungen Leute in unserer Verzweiflung die Berichte des Weltklimarates IPCC laut auf öffentlichen Plätzen vorgelesen, eben weil so gut wie niemand aus der damals älteren Generationen sie las.

Die Maßnahmen, die nötig waren, um eine Klimakrise abzuwenden, waren bekannt. Sie wurden leider nicht konsequent genug umgesetzt. Eine Mehrzahl der Politiker*innen nahm zwar die Warnungen wahr, aber sie handelten nicht danach. Ich kann mir vorstellen, dass sie Angst hatten, nicht wiedergewählt zu werden.

Ein weiteres Problem war, dass viele von uns jungen Protestierenden noch gar nicht wahlberechtigt waren, während der Anteil der älteren Wahlberechtigten immer weiter stieg. (3) Wir versuchten sehr, die älteren Wählerinnen und Wähler für unsere Anliegen zu gewinnen. (4) Das hat eher schlecht als recht geklappt. (5) Leider!

Was du über den persönlichen Lebensstil und dessen Auswirkungen auf das Klima geschrieben hast, finde ich sehr wichtig. Wir alle sollten unseren Lebens- und Konsumstil an die Umstände anpassen, die ja heute noch schlimmer geworden sind. In meiner Gruppe „Omas for Future“ reden wir sehr oft über dieses Thema. (6) Aber auch hier wurde noch zu wenig umgesetzt. Ich hoffe, dass du dennoch das Gefühl hast, mit deinen Sorgen nicht allein, denn auch wir ältere Leute wollen euch unterstützen und uns für eure Zukunft einsetzen, um noch schlimmere Folgen zu verhindern. Ich finde, junge und alte Menschen sollten mehr gemeinsam für den Klimaschutz tun. Es bringt doch nichts, ständig zu fragen, wer schuld ist. Bestimmt können wir viel von euch lernen und ihr von uns. Lass uns einen neuen Generationendialog beginnen. (7)

 

Liebe Grüße von deiner Oma

 


(1) Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen (o. J.): Das Klimabildungsprojekt „Walk for the Future – Klima“. https://walk-for-the-future.info/mission.html.

(2) Fabel (2020): o. S.

(3)Während der Anteil der über 67-Jährigen im Jahr 2020 bei 19,5 Prozent lag, soll er 2060 27,4 Prozent betragen. Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung (2019).

(4) #WirStimmenZusammen (2021).

(5) Vgl. Kammerer 2021.

(6) Leben im Einklang mit der Natur e. V. (2021): Omas for Future. https://omasforfuture.de/.

(7) BAGSO (2021): o. S.

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